Karla Schefter
Von Angelika Gardiner


Unter großen Entbehrungen baute Karla Schefter ein Krankenhaus in Afghanistan auf
Manchmal muß Karla Schefter gar nicht lange nachdenken, bevor sie das Richtige tut: Als vor dem Hospital Chak-e-Wardak in den afghanischen Bergen eine Meute junger Taliban mit Stöcken auf einen der Krankenpfleger losging, rannte sie nach draußen und warf sich schimpfend dazwischen. Verdutzt zogen die fanatisierten Koranschüler ab, doch die Deutsche gab sich damit noch nicht zufrieden. Sie schloß das Krankenhaus drei Tage lang, bis die örtlichen Kommandanten bereit waren, in Zukunft für die Sicherheit von Personal und medizinischem Betrieb zu garantieren. Sogar ein weiteres Kunststück brachte sie fertig: Die Taliban-Machthaber in Chak akzeptieren mittlerweile, daß sie Karla Schefters Krankenhaus nicht bewaffnet betreten dürfen.

Ich kenne keine Furcht", erklärt die ehemalige OP-Schwester aus Dortmund ihre tollkühn anmutende Reaktion. Und den bequemen Weg bin ich noch nie gegangen.


Das ist wohl wahr.

In dem kriegsverwüsteten Land, in dem es keine Regierung, keine Verwaltung und schon gar keine gesicherte Versorgung gibt, hat Karla Schefter etwas geschafft, das ihr so leicht niemand nachmacht: Buchstäblich aus dem Nichts baute die heute 56jährige innerhalb von neun Jahren ein funktionierendes 40- Betten-Krankenhaus auf, das einzige in einer Provinz mit 400000 Einwohnern. Sogar eine Frauen- und Kinderstation hat sie eingerichtet - geradezu ein Wunder im Reich der Taliban, die den Koran besonders eng auslegen und wo eine Frau vor allem eines zu sein hat: unsichtbar.

 

Karla Schefters Lebenswerk:
Ein 40-Betten-Krankenhaus mit Männer-, Frauen- und Kinderstation, mit Ambulanzen, Operationsraum, Röntgenzimmer und Impfzentrum
Selbst als in der Hauptstadt Kabul Frauen zeitweise überhaupt nicht mehr behandelt werden durften, lief im 60 Kilometer entfernten Chak der Krankenhausbetrieb weiter. Natürlich muß die resolute Projekleiterin mitunter Kröten schlucken, um ihr Hospital nicht zu gefährden, Kröten so groß, daß sie fast daran zu ersticken glaubt. Oder sie findet einen Kompromiß, der es selbst einem arroganten jungen Taliban Kommandanten erlaubt, mit ihr, einer Frau, zu verhandeln.
Der verlangte, daß ich die Burka trage, diesen Schleier, der einen von oben bis unten verhüllt und der nur ein kleines Gitter vor den Augen hat. Ich habe mich geweigert, und schließlich haben wir uns darauf geeinigt, einen Wandschirm zwischen ihm und mir aufzustellen. So haben wir beide das Gesicht nicht verloren." Selbst für die afghanischen Ärzte und Angestellten war das irgendwie ein Sieg: Ihre Chefin hatte bewiesen, daß man mit ihr nicht so umspringen kann wie mit den Dorffrauen. Das hob das Ansehen aller, die mit dem Krankenhaus zu tun haben.

Fast jeden Tag muß Karla Schefter diesen Spagat leisten: einerseits als Frau zurückstecken und sich an afghanische Traditionen anpassen, andererseits sich durchsetzen in dieser streng islamischen Kultur, in der Frauen in der Öffentlichkeit nicht das geringste zu sagen haben. Ohne männliche Begleitung geht fast nichts, aber selbst mit einem ihrer Mitarbeiter kann Karla Schefter nicht einfach in einem Teehaus sitzen. Sie muß sich zur Wand drehen und nur dorthin starren damit kein rechtschaffener Moslem gezwungen ist, ihr ins Gesicht zu blicken.

Ich habe in diesem Land Demut gelernt, sagt sie. Es geht mir ja immer noch unendlich viel besser als den Menschen hier, die in fast 20 Kriegsjahren jede Perspektive verloren haben." Ob Mehl oder Medikamente, Bettzeug oder Brennholz - jeder Einkauf erfordert einen Kraftakt, wie er nur Menschen in Kriegsgebieten abverlangt wird. Der Basar im 2400 Meter hoch gelegenen Chak ist so ärmlich, daß dort selbst die nötigsten Lebensmittel oft nicht zu bekommen sind. Für jede Fahrt sind Stempel, Genehmigungen, Unterschriften und Empfehlungsschreiben erforderlich, selbst wenn kaum ersichtlich ist, wer eigentlich zuständig ist und wofür. Im Hospital gibt es kein fließendes Wasser, keine modernen Toiletten, keine Computer, weder Zentralheizung noch Klimaanlage. Die Toilette der Chefin ist ein extra dafür ausgehobenes Erdloch Hof, ihr Badezimmer ein Verschlag mit Zementfußboden, wo sie sich mit heißem Wasser aus der Thermoskanne abseifen kann.

 
Erinnerungsfoto von 1995: Karla Schefter mit Taliban Gouverneur Mahmood bei einer Inspektion des Klinikgeländes
 
Wie hält eine Frau aus Deutschland ein solches Leben aus? ,,Ich war noch nie materialistisch eingestellt, und schon als Kind war ich eine Einzelgängerin", erzählt Karla Schefter. 25 Jahre lang hatte die gebürtige Ostpreußin, die in Hamburg aufgewachsen ist, als leitende Operationsschwester und Schwesternausbilderin in Dortmund gearbeitet. Sie hatte sich fortgebildet, Krankenhaus-Management gelernt und Klinik Neubauten organisatorisch betreut, bevor sie sich auf eine Anzeige bewarb, in der eine Krankenschwester für Afghanistan gesucht wurde. ,,Ich war damals beruflich an einem Punkt angelangt, wo ich eine radikale Veränderung wollte." Ihre kurze, kinderlose Ehe war Vergangenheit, und außerdem war es ein uralter Traum von ihr: ,,Schon als kleines Mädchen wollte ich Missionarin werden und weit weg von der Zivilisation leben. Daß Afghanistan ihr Schicksal werden könnte, hätte sich Karla Schefter trotzdem niemals träumen lassen.

Vor einigen Jahren hatte sie kurz nacheinander zweimal die Chance, ihre unwirtliche Wahlheimat für einen attraktiveren Job aufzugeben. Doch da war in ihr bereits diese unerschütterliche Liebe zu dem geplagten Land gewachsen, zu den sternklaren Nächten im Gebirge und der unverfälschten Natur im Hochtal von Chak. Außerdem versperrte ihr ein aus geprägtes Verantwortungsgefühl den bequemeren Weg.
,,Ich könnte nie weggehen und sagen: Das ist mir jetzt egal, was aus Chak wird," Vermutlich kann man auch das Liebe nennen.

Anfangs glich die Herausforderung allerdings mehr einem Alptraum. Als Karla Schefter 1989 in Afghanistan ankam, bestand die Klinik aus zwei dürftig eingerichteten Räumen, das medizinische Personal aus drei europäischen Ärzten und einer Krankenschwester, nämlich ihr. Nicht einmal ein eigenes Zimmer gab es für sie, sie mußte ein Jahr lang mit acht muslimischen Männern in einem Raum übernachten: hinter einem Vorhang. Aus dem, was ist, etwas machen , nennt sie heute den Zwang zur Improvisation, unter dem das Team von Anfang an stand.
Das Deutsch-Afghanische Komitee, das Karla Schefter ursprünglich eingestellt hatte, fiel auseinander, kaum daß das Krankenhaus einigermaßen in Gang gekommen war. 1992 mußte das Hospital schließen, der Drei-Jahres Vertrag mit der Europäischen Union war ausgelaufen. Doch Karla Schefter ließ nicht locker. Sie machte erst mal von Deutschland aus weiter und erreichte, daß elf Ärzte und Freunde der Krankenschwester das inzwischen als gemeinnützig anerkannte ,,Komitee zur Förderung humanitärer und medizinischer Hilfe für Afghanistan e. V (CPHA) gründeten. Dieses Komitee arbeitet unentgeltlich für das Heine Krankenhaus in Chak, sammelt Spendengelder, übernimmt die Buchführung und organisiert Patenschaften. Es hat seinen Sitz in Dortmund, wo auch Karla Schefter noch eine kleine Wohnung hat. Jeden Winter, wenn die Gegend um das Hospital nach heftigen Regenfällen im Schlamm versinkt, kommt sie für einige Wochen hierher, um das Komitee aktiv zu unterstützen und neue Kontakte zu knüpfen.
 
Das Bundesverdienstkreuz, das Karla Schefter 1993 erhielt, öffnete ihr manche Tür. Auch ein Vertrag mit der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) kam zustande, und die Europäische Union bewilligte noch einmal für drei Jahre die Grundfinanzierung. Als Karla Schefter 1993 wieder nach Afghanistan ging, war sie Projektleiterin und konnte ihr Krankenhaus so ausbauen, wie sie es für zweckmäßig hielt. Auf dem weitläufigen Gelände mit Blick über ein malerisches Tal sind nicht nur Ambulanzen und Bettenhäuser (für Männer und Frauen getrennt) untergebracht, sondern auch Operationsraum, Röntgenzimmer, Labor und Impfzentrum. Dazu gehören Nebengebäude für Küche, Wäscherei, Bäckerei, Vorratslager und Personalunterkünfte.

Der Klinik-Aufenthalt kostet zwar nichts, aber jeder Patient muß einen Verwandten mitbringen
Seit Ende 1997 die Finanzierung durch die Europäische Union auslief herrschte wieder akute Geldnot im Hospital. Sein Jahresbudget betrug bisher 250000 Mark. Auch in Afghanistan sind da mit keine großen Sprünge zu machen, gehen davon doch die Gehälter für alle 38 Mitarbeiter ab, die vier afghanischen Ärzte (darunter eine Gynäkologin> eingeschlossen. Also kam die Krankenhaus- Chefin auf eine Lösung, die in Deutschland undenkbar wäre: Der Klinik- Aufenthalt kostet zwar nichts, aber jeder Patient muß einen Verwandten mitbringen, der bei ihm (oder ihr) im Zimmer auf einem Feldbett übernachtet und ihn versorgt.

Dazu gehören dann nicht nur Waschen und Füttern, sondern auch, mal den Flur zu schrubben oder Brennholz zu hacken. Beim Essen hat erst recht niemand Anspruch auf Sonderbehandlung. Ob krank oder gesund, es gibt nur Brot und Tee, Reis und Linsen oder Bohnen. Mehr als 3500 Patienten werden heute in Chak-e-Wardak jeden Monat verarztet. Nicht immer mit modernsten Methoden, aber immerhin. Elektrizität gab es jahrelang überhaupt nicht, und auch jetzt funzeln die Neonröhren nur zweimal am Tag für kurze Zeit. Also muß einem >Minenopfer schon mal beim Schein von Taschenlampen und Kerzen ein Fuß amputiert werden. Öffentliche Verkehrsmittel oder gar Krankenwagen gibt es nicht. Wer behandelt werden will, kommt zu Fuß oder auf dem Esel übers Gebirge - für Schwerkranke eine zusätzliche Tortur. Manchmal schleppt ein alter Bauer seine leidende Frau auf dem Rücken nach Chak. Oder ganze Familien tragen einen halbtoten Angehörigen mitsamt seinem Bett durch Täler und Flüsse bis zum Hospital. Natürlich sind die Einheimischen froh, daß es in ihrer Gegend ein Krankenhaus gibt. Aber ob ihnen so klar ist, daß sie das nur Karla Schefter und ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken haben? Und daß manche von ihnen längst tot wären ohne den Einsatz dieser Frau? Für die Bergbevölkerung der Provinz Wardak ist sie meistens nur ,,Karla, die Verrückte".
 

Komitee zur Förderung medizinischer und humanitärer Hilfe Afghanistans e.V.
Eingetragen in Vereinsregister am Amtsgericht Dortmund unter Nr. 4336.
Vorstand: Dr. P. Päuser, Kpt. Hans-J. Lebuser Dr. T. Hilber, M. Schäfer
Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt.
Spendenkonto: Stadtsparkasse Dortmund, BLZ 440 501 99, Konto-Nr. 181 000 090