| Karla
Schefter Von Angelika Gardiner
Ich kenne keine Furcht", erklärt die ehemalige OP-Schwester aus Dortmund ihre tollkühn anmutende Reaktion. Und den bequemen Weg bin ich noch nie gegangen. Das ist wohl wahr. In dem kriegsverwüsteten Land, in dem es keine Regierung, keine Verwaltung und schon gar keine gesicherte Versorgung gibt, hat Karla Schefter etwas geschafft, das ihr so leicht niemand nachmacht: Buchstäblich aus dem Nichts baute die heute 56jährige innerhalb von neun Jahren ein funktionierendes 40- Betten-Krankenhaus auf, das einzige in einer Provinz mit 400000 Einwohnern. Sogar eine Frauen- und Kinderstation hat sie eingerichtet - geradezu ein Wunder im Reich der Taliban, die den Koran besonders eng auslegen und wo eine Frau vor allem eines zu sein hat: unsichtbar.
Der verlangte, daß ich die Burka trage, diesen Schleier, der einen von oben bis unten verhüllt und der nur ein kleines Gitter vor den Augen hat. Ich habe mich geweigert, und schließlich haben wir uns darauf geeinigt, einen Wandschirm zwischen ihm und mir aufzustellen. So haben wir beide das Gesicht nicht verloren." Selbst für die afghanischen Ärzte und Angestellten war das irgendwie ein Sieg: Ihre Chefin hatte bewiesen, daß man mit ihr nicht so umspringen kann wie mit den Dorffrauen. Das hob das Ansehen aller, die mit dem Krankenhaus zu tun haben. Fast jeden Tag muß Karla Schefter diesen Spagat leisten: einerseits als Frau zurückstecken und sich an afghanische Traditionen anpassen, andererseits sich durchsetzen in dieser streng islamischen Kultur, in der Frauen in der Öffentlichkeit nicht das geringste zu sagen haben. Ohne männliche Begleitung geht fast nichts, aber selbst mit einem ihrer Mitarbeiter kann Karla Schefter nicht einfach in einem Teehaus sitzen. Sie muß sich zur Wand drehen und nur dorthin starren damit kein rechtschaffener Moslem gezwungen ist, ihr ins Gesicht zu blicken. Ich habe in diesem Land Demut gelernt, sagt sie. Es geht mir ja immer noch unendlich viel besser als den Menschen hier, die in fast 20 Kriegsjahren jede Perspektive verloren haben." Ob Mehl oder Medikamente, Bettzeug oder Brennholz - jeder Einkauf erfordert einen Kraftakt, wie er nur Menschen in Kriegsgebieten abverlangt wird. Der Basar im 2400 Meter hoch gelegenen Chak ist so ärmlich, daß dort selbst die nötigsten Lebensmittel oft nicht zu bekommen sind. Für jede Fahrt sind Stempel, Genehmigungen, Unterschriften und Empfehlungsschreiben erforderlich, selbst wenn kaum ersichtlich ist, wer eigentlich zuständig ist und wofür. Im Hospital gibt es kein fließendes Wasser, keine modernen Toiletten, keine Computer, weder Zentralheizung noch Klimaanlage. Die Toilette der Chefin ist ein extra dafür ausgehobenes Erdloch Hof, ihr Badezimmer ein Verschlag mit Zementfußboden, wo sie sich mit heißem Wasser aus der Thermoskanne abseifen kann.
Vor einigen Jahren hatte sie kurz nacheinander zweimal die Chance, ihre unwirtliche Wahlheimat für einen attraktiveren Job aufzugeben. Doch da war in ihr bereits diese unerschütterliche Liebe zu dem geplagten Land gewachsen, zu den sternklaren Nächten im Gebirge und der unverfälschten Natur im Hochtal von Chak. Außerdem versperrte ihr ein aus geprägtes Verantwortungsgefühl den bequemeren Weg. ,,Ich könnte nie weggehen und sagen: Das ist mir jetzt egal, was aus Chak wird," Vermutlich kann man auch das Liebe nennen. Anfangs glich die Herausforderung allerdings mehr einem Alptraum. Als Karla Schefter 1989 in Afghanistan ankam, bestand die Klinik aus zwei dürftig eingerichteten Räumen, das medizinische Personal aus drei europäischen Ärzten und einer Krankenschwester, nämlich ihr. Nicht einmal ein eigenes Zimmer gab es für sie, sie mußte ein Jahr lang mit acht muslimischen Männern in einem Raum übernachten: hinter einem Vorhang. Aus dem, was ist, etwas machen , nennt sie heute den Zwang zur Improvisation, unter dem das Team von Anfang an stand. Das Deutsch-Afghanische Komitee, das Karla Schefter ursprünglich eingestellt hatte, fiel auseinander, kaum daß das Krankenhaus einigermaßen in Gang gekommen war. 1992 mußte das Hospital schließen, der Drei-Jahres Vertrag mit der Europäischen Union war ausgelaufen. Doch Karla Schefter ließ nicht locker. Sie machte erst mal von Deutschland aus weiter und erreichte, daß elf Ärzte und Freunde der Krankenschwester das inzwischen als gemeinnützig anerkannte ,,Komitee zur Förderung humanitärer und medizinischer Hilfe für Afghanistan e. V (CPHA) gründeten. Dieses Komitee arbeitet unentgeltlich für das Heine Krankenhaus in Chak, sammelt Spendengelder, übernimmt die Buchführung und organisiert Patenschaften. Es hat seinen Sitz in Dortmund, wo auch Karla Schefter noch eine kleine Wohnung hat. Jeden Winter, wenn die Gegend um das Hospital nach heftigen Regenfällen im Schlamm versinkt, kommt sie für einige Wochen hierher, um das Komitee aktiv zu unterstützen und neue Kontakte zu knüpfen. Das Bundesverdienstkreuz, das Karla Schefter 1993 erhielt, öffnete ihr manche Tür. Auch ein Vertrag mit der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) kam zustande, und die Europäische Union bewilligte noch einmal für drei Jahre die Grundfinanzierung. Als Karla Schefter 1993 wieder nach Afghanistan ging, war sie Projektleiterin und konnte ihr Krankenhaus so ausbauen, wie sie es für zweckmäßig hielt. Auf dem weitläufigen Gelände mit Blick über ein malerisches Tal sind nicht nur Ambulanzen und Bettenhäuser (für Männer und Frauen getrennt) untergebracht, sondern auch Operationsraum, Röntgenzimmer, Labor und Impfzentrum. Dazu gehören Nebengebäude für Küche, Wäscherei, Bäckerei, Vorratslager und Personalunterkünfte.
Dazu gehören dann nicht nur Waschen und Füttern, sondern auch, mal den Flur zu schrubben oder Brennholz zu hacken. Beim Essen hat erst recht niemand Anspruch auf Sonderbehandlung. Ob krank oder gesund, es gibt nur Brot und Tee, Reis und Linsen oder Bohnen. Mehr als 3500 Patienten werden heute in Chak-e-Wardak jeden Monat verarztet. Nicht immer mit modernsten Methoden, aber immerhin. Elektrizität gab es jahrelang überhaupt nicht, und auch jetzt funzeln die Neonröhren nur zweimal am Tag für kurze Zeit. Also muß einem >Minenopfer schon mal beim Schein von Taschenlampen und Kerzen ein Fuß amputiert werden. Öffentliche Verkehrsmittel oder gar Krankenwagen gibt es nicht. Wer behandelt werden will, kommt zu Fuß oder auf dem Esel übers Gebirge - für Schwerkranke eine zusätzliche Tortur. Manchmal schleppt ein alter Bauer seine leidende Frau auf dem Rücken nach Chak. Oder ganze Familien tragen einen halbtoten Angehörigen mitsamt seinem Bett durch Täler und Flüsse bis zum Hospital. Natürlich sind die Einheimischen froh, daß es in ihrer Gegend ein Krankenhaus gibt. Aber ob ihnen so klar ist, daß sie das nur Karla Schefter und ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken haben? Und daß manche von ihnen längst tot wären ohne den Einsatz dieser Frau? Für die Bergbevölkerung der Provinz Wardak ist sie meistens nur ,,Karla, die Verrückte".
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